Die Gnade der Götter ist der erste Teil der neuen Reihe aus der Schmiede der The Expanse-Schöpfer. Damit die The Captive’s War-Reihe mit den Abenteuern der Rocinante-Crew mithalten kann, muss sie allerdings noch ordentlich zulegen.
Worum geht es in Die Gnade der Götter?
Angesiedelt ist die Handlung von Die Gnade der Götter, dem ersten Teil der The Captive’s War-Reihe, in der fernen Zukunft. Längst ist die Menschheit zu anderen Systemen aufgebrochen und siedelt auf fernen Planeten. Für die Menschen auf Anjin ist die Erde sogar kaum mehr als eine Legende.
Einer dieser Menschen ist Dafyd Alkhor, ein Forschungsassistent im Team eines genialen, gefeierten Wissenschaftlers.
Als eines Tages die Raumschiffe der Carryx, einer fortschrittlichen und bedrohlichen Alien-Spezies, auf Anjin aufschlagen, töten sie innerhalb kürzester Zeit einen großen Teil der Bevölkerung und entführen die schlausten Köpfe, darunter auch Dafyd Alkhor und das Team, für das er arbeitet.
Von den Carryx verschleppt, werden Dafyd und die anderen dazu gezwungen, für ihre Unterdrücker zu arbeiten. Schnell stellt sich heraus, dass sie diesen wieder und wieder beweisen müssen, dass sie für diese von Wert sind, um nicht nur sich selbst zu retten, sondern gar die gesamte Menschheit.
Der epische Auftakt einer neuen Reihe, aber …
Mit Die Gnade der Götter steigt man als Leser in eine Welt jenseits der Erde ein, die fremdartig und faszinierend klingt, exotischer als so manch anderes, das die Science-Fiction heutzutage hergibt. Gebaut wurde schließlich ein weiteres Mal nicht einfach nur eine Geschichte, sondern ein ganzes Universum.
Dieses bricht schließlich gefühlt auch in seiner Gesamtheit über die Bevölkerung von Anjin herein, als die Carryx mit ihrer Flotten den Planeten heimsuchen und ein regelrechtes Blutbad anrichten. Eine Fülle an Spezies, die von den Carryx ebenfalls unterdrückt und sozusagen genutzt werden, um wiederum andere Welten zu erobern und Völker zu unterwerfen.
Neben dem Blutbad selbst wird auch die Reise der Gefangenen auf den Heimatplaneten der Carryx ausführlich und in all ihren menschlichen und schmutzigen Facetten beleuchtet. Dabei werden die zuvor auf Anjin schon ausgiebig vorgestellten Charaktere und ihre Beziehungen zueinander und untereinander weiter ausgearbeitet und vertieft. Wenngleich es zunächst erscheint, als wäre das Elend am Ende der Reise mit der Ankunft auf dem Carryx-Heimatplaneten zunächst zumindest ein klein wenig gemindert, ergeht es den Gefangenen dort nicht besser, stattdessen wird die Situation nur noch unvorhersehbarer.
Die Menschen leben in ständiger Angst, ohne zu wissen, welche Entscheidung oder Entwicklungen sie töten wird. Doch nicht nur die Carryx stellen eine Gefahr dar, denn auch die anderen unterworfenen Völker, die für die Carryx arbeiten müssen, wollen um jeden Preis ihren Wert unter Beweis stellen und die ersten sein, die die ihnen aufgelegten Aufgaben meistern. Und so müssen sich die Menschen nicht nur gegen die Carryx behaupten, sondern unteren deren Beobachtung einen von diesen offenbar tolerierten Krieg mit den anderen Gefangenengruppen überleben.
Die verschiedenen Charaktere mit ihren natürlich unterschiedlichen Hintergründen und ganz eigenen, persönlichen Problemen reagieren teils sehr unterschiedlich auf die einzelnen Katastrophen, die sich zutragen und die Katastrophen in ihrer Gesamtheit.
Das neue The Expanse?
Die Erwartungen an die The Captive’s War-Trilogie sind groß, stammt das neue Abenteuer doch aus der Schmiede des The Expanse-Duos, das unter dem Namen James S.A. Corey schreibt, und natürlich drängt sich auch die Frage auf, wie nah beide Geschichten beieinander liegen.
Schon beim Einstieg in die Handlung unterscheiden sich beide Geschichten jedoch massiv voneinander und wenngleich ein paar Parallelen durchaus gegeben sind und man sich auch bei Die Gnade der Götter anfangs Zeit lässt und die Geschichte eher langsam erzählt, liegen The Expanse und The Captive’s War Welten auseinander. Und das meiner Meinung nach leider auch qualitativ. Der Erzählstil wirkt teilweise holprig, was unter anderem den teils schwierigen Perspektivwechseln geschuldet ist. Gerade dann, wenn der Schwarm ins Spiel kommt, ist vor allem anfangs nicht immer klar, wer oder was nun eigentlich spricht. Teils merkwürdige Kursivierungen (vielleicht auch nur im Deutschen), machen es schwer, zu folgen, durch wessen Wahrnehmung man die Handlung gerade erlebt. Das zieht sich manchmal durch Sätze, gelegentlich aber auch durch Absätze.
Doch auch im Aufbau unterscheiden sich The Captive’s War und The Expanse massiv voneinander – der größte Unterschied ist gewiss, dass wir nach der dreckigen Zukunft in The Expanse in eine (teilweise natürlich ebenfalls recht schmutzige) aber doch sehr schillernde Zukunft geworfen werden. Wo The Expanse gerade zu Beginn stark auf die auf die Menschheit und unser Sonnensystem fokussiert ist, eröffnet The Captive’s War ein Universum, in dem jede Spezies noch unglaublicher aussieht als die andere und sich noch „merkwürdiger“ verhält als die andere – fremdartiger für die Menschen.
Darin lag für mich allerdings auch mit die größte Schwäche des Buches. Als wären die vielen Charaktere mit ihren verschiedenen und doch oftmals nah beieinander liegenden Problemen nicht verwirrend genug – bei kaum einem Buch hatte ich bisweilen dermaßen Probleme die Figuren auseinander zu halten – ist die Artenvielfalt dermaßen exotisch, dass es nicht nur verdammt schwer fällt, sich die Wesen vorzustellen, sondern auch, sich wieder und wieder in Gedanken zu rufen, wie die nochmal aussehen. Das Buch gibt da zwar immer wieder mal Gedächtnisstützen, was aber wiederum auch aufzeigt, dass diese durchaus nötig sind. Hier schien die Regel zu gelten: Hauptsache so kurios wie möglich, ganz gleich, wie sehr man sich geistig verrenken muss, um sich die Wesen vorzustellen.
In starkem Kontrast dazu gibt es dann immer wieder fast alltägliche Lebensmittel, Tiere und anderes, was einen direkt wieder in unsere Welt holt. Ob das von der Handlung bedingt ist, wird sich wohl erst im Laufe der anderen beiden Bände zeigen, aber mich riss dies immer wieder genauso aus dem Lesefluss wie die allzu grotesken Gestalten, die sich in dieser Geschichte tummeln.
Das dämpft den Lesespaß bei einer grundsätzlich durchaus interessanten Geschichte, die sich zu einer spannenden Trilogie entwickeln kann. Ich möchte auf jeden Fall wissen, wie The Captive’s War weiter geht, denn die überwiegend lineare Erzählweise wird durch Rückblenden mit Foreshadowing-Effekt unterbrochen, die zwangsläufig aufzeigen, DASS etwas Dramatisches geschehen wird, man sich aber mit der Frage konfrontiert sieht, WIE es geschehen wird.
The Captive’s War geht weiter
Kurioserweise beschlich mich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass The Captive’s War ein Werk ist, das schon länger in der Schublade liegt und vielleicht sogar noch vor The Expanse geschrieben wurde. Denn so spannend und interessant sich das Buch insgesamt lesen ließ, so sehr fühlte es sich an manchen Stellen doch etwas unausgereift und unausgegoren an. Als ich mir ansah, was andere von Die Gnade der Götter halten, stellte ich überrascht fest, dass ich mit dieser Vermutung nicht allein bin.
Nichtsdestotrotz und trotz der aufgezählten Kritikpunkte fühlte ich mich von Die Gnade der Götter sehr gut unterhalten. Jedoch musste ich beim Schreiben dieser Rezi feststellen, dass es verdammt schwer ist, auf einige der positiven Aspekte einzugehen, ohne zu massiv zu spoilern.
Teil 2 von The Captive’s War, der den Titel Der Glaube der Bestien trägt, werde ich mir auf jeden Fall holen, denn uninteressant ist das, was mit Die Gnade der Götter seinen Anfang nahm definitiv nicht. Zum Teil sehr anstrengend zu lesen, meines Erachtens nach schon. Aber niemand hat gesagt, dass der Kampf gegen die Carryx einfach wird – an das Spektakel, das The Expanse war, dürfte die Reihe allerdings nur schwer heranreichen.

















